Auf den Spuren der Wüstenelefanten

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Namibia ist nicht das typische Safariland, wie man es aus Tansania oder Kenia kennt – aber genau das macht es besonders. Hier trifft die eiskalte Atlantikküste auf karge Nebelwüsten, und nur wenige hundert Kilometer weiter steht man plötzlich in der flirrenden Hitze des Damaralandes - eines der trockensten Regionen der Erde - auf der Suche nach Namibias Wüstenelefanten.

Text&Bild von Yasin Kirsch

Kapitel 1: Die Lebensadern im Damaraland

Das Damaraland im Nordwesten Namibias ist eine Landschaft der Extreme – geprägt von uralten Felsformationen, weiten Wüstenflächen und einer fast schon magischen Stille. Es ist eine Region, die dem Besucher sofort ein Gefühl von ungebändigter Wildnis vermittelt.

Die eigentlichen Lebensadern dieser ariden Landschaft sind die ausgetrockneten Flussläufe wie der Ugab oder der Huab. Nur hier, tief im Sand verborgen, finden die Wüstenelefanten Grundwasser sowie die spärlichen Bäume und Büsche, die ihnen Nahrung spenden.

Wasser ist im Damaraland das kostbarste Gut – nicht nur für die Tierwelt, sondern auch für die lokale Bevölkerung. Um Konflikte zwischen Mensch und Tier zu vermeiden, sieht man an manchen Stellen massive Bauanlagen und Schutzmauern um die Wasserstellen, die von Organisationen wie der EHRA (Elephant-Human Relations Aid) errichtet werden.

Sie schützen die Trinkwasservorräte der Farmen, während gleichzeitig frei zugängliche Tränken für die Herden geschaffen werden. Erst durch diese Arbeit wird ein friedliches Nebeneinander möglich.

Unter diesen extremen Bedingungen beginnt die Suche nie mit dem Tier selbst, sondern mit dem scharfen Blick auf den Boden. Ohne Fährten gleicht das Unterfangen in diesem weitläufigen Areal der berühmten Nadel im Heuhaufen.

Kapitel 2: Die ersten Hinweise im Sand

Einer der faszinierendsten Schritte ist das Deuten der Spuren im Sand. Ein einziger Abdruck verrät extrem viel:

  • In welche Richtung zieht die Herde? Am breiten, rund auslaufenden Zehenbereich erkennt man, wohin sich der Elefant abgedrückt hat – während die Ferse eine tiefere Kante hinterlässt.

  • Wie frisch ist die Fährte? Ist der Rand noch scharfkantig oder hat der Wind bereits feine Sandkörner hineingeweht?

  • Wer war hier unterwegs? Die Größe der Sohle verrät schnell, ob man der Spur eines einzelnen Bullen oder einer ganzen Herde folgt.

Wenn man im heißen Sand kniet, die Hand neben einen frischen Abdruck legt und realisiert, dass hier vor wenigen Stunden ein tonnenschweres Tier vorbeigezogen ist, bekommt man eine erste Ahnung von der lautlosen Fortbewegung dieser Riesen.

Kapitel 3: Auf der Fährte – und die eiserne Regel

Das Habitat kann sich in dieser Region schlagartig verändern: Um die Elefanten zu finden, verlässt man hin und wieder die Trockenflüsse, um über die angrenzenden Offenflächen zu fahren. Das Gelände wird dabei schnell unübersichtlich – viele kleine Büsche und sandige Hügel verzerren die Wahrnehmung. Für Laien sind die grauen Riesen aus der Ferne oft kaum von den Felsen und Hügeln der Umgebung zu unterscheiden.

Man stellt sich vor, dass man ein so gewaltiges Tier schon von Weitem hört oder sieht. Die Realität sieht jedoch anders aus: Trotz ihrer Masse bewegen sich Elefanten auf ihren dicken, weichen Fußsohlen erstaunlich geräuschlos.

Frische Hinweise wie warmer Dung und tiefe, deutliche Abdrücke im Sand zeigen, dass die Tiere in unmittelbarer Nähe sind. Sobald diese Spuren auftauchen, wird die Fährte ausschließlich aus dem fahrenden Auto heraus verfolgt.

Denn hier gilt eine eiserne Regel: aus Sicherheitsgründen unbedingt im Fahrzeug bleiben! Aussteigen ist in solchen Momenten lebensgefährlich und ein absolutes No-Go, das ich wirklich jedem dringend ans Herz legen möchte.

Wer im Schritttempo den Spuren folgt, kann plötzlich und völlig unvermittelt vor einem dieser Riesen stehen. Genau deshalb ist es immer ratsam, einen erfahrenen Guide an der Seite zu haben – jemanden, der das Verhalten der Tiere, den Lebensraum und die Zeitfenster genau kennt, um vor Einbruch der Dunkelheit wieder sicher aus dem Areal herauszukommen.

Wichtig ist: Den Elefanten niemals den Weg kreuzen oder gezielt auf sie zufahren!

Diese Tiere sind hochsensibel und extrem intelligent. Wer ihr Verhalten nicht lesen kann, begeht leicht Fehler, die für Mensch und Tier lebensbedrohlich werden.

Oft entscheiden die Elefanten ganz von allein, wie nah sie kommen möchten und ob sie einem Vertrauen schenken.

Genau diese freiwilligen Begegnungen spiegeln ihren wahren Charakter wider – und sie sind unendlich viel wertvoller, als den Tieren hinterherzufahren und sie für ein schnelles Foto zu stören.

Kapitel 4: Keine eigene Art, sondern Meister der Anpassung

Es gibt Momente in der Naturfotografie, die sich nicht über Kameraeinstellungen greifen lassen, sondern sich tief im Gedächtnis einbrennen.

Eine Begegnung mit den Wüstenelefanten gehört genau dazu – auch weil man sich immer wieder bewusst machen muss, wie extrem selten und bedroht diese Tiere sind.

Nur noch wenige Hundert dieser resilienten Dickhäuter streifen durch die trockenen Regionen Namibias. Sie hier anzutreffen, grenzt an ein Privileg.

Dabei handelt es sich nicht um eine eigene Art, sondern um Tiere, die normalerweise durch Savannen und Buschland streifen und sich an das Leben in der Wüste angepasst haben. Sie werden auch als wüstenadaptierte Tiere bezeichnet.

Was diese Elefanten so besonders macht, ist ihre außergewöhnliche Anpassung an einen extremen Lebensraum: Sie legen gigantische Strecken zurück, um Wasserstellen zu finden, schädigen die spärliche Vegetation nicht nachhaltig und haben gelernt, mit der extremen Trockenheit zu leben.

Außerdem wirken sie auf mich deutlich ruhiger und entspannter als beispielsweise die Elefanten im Etosha-Nationalpark, mit denen sie genetisch zur selben Population gehören.

Wenn diese mächtigen Tiere schließlich vor einem auftauchen, verändert sich die eigene Wahrnehmung schlagartig. Trotz ihrer imposanten Erscheinung strahlen sie eine unbeschreibliche Ruhe aus, die sich augenblicklich auf einen selbst überträgt. Zu beobachten, wie die Herde zusammenhält, Jungtiere schützt und sich im Einklang mit der Wüste bewegt, berührt einen auf einer ganz tiefen Ebene.

Die Kunst des Überlebens:

Wüstenelefanten sind wahre Überlebenskünstler. In einer Region, in der Nahrung knapp und die Vegetation spärlich ist, haben sie Verhaltensweisen entwickelt, die man bei ihren Verwandten in grüneren Gegenden kaum findet. Sie müssen erfinderisch sein, um an die besten Blätter und Schoten zu gelangen.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese Anpassung ist ihre Fähigkeit, sich auf die Hinterbeine zu stellen.

Ich war wirklich fasziniert, als ich das zum ersten Mal miterleben durfte: Wie sich ein Elefant auf die Hinterbeine stellt, seinen Rüssel in die Höhe streckt und sich einen kleinen Ast vom Baum holt – so etwas kennt man normalerweise von seinen weniger privilegierten Artgenossen aus Zirkussen und Zoos.

Da ich ihre Verwandten aus dem östlichen Afrika und dem Etosha-Nationalpark kenne, ist mir schnell bewusst geworden, wie sanft diese Riesen mit ihrer Umwelt umgehen und wie sie an morgen denken – hiervon könnten wir Menschen uns ein Beispiel nehmen.

Kapitel 5: Die Fotografie – zwischen Warten und Improvisieren

Fotografisch war die ganze Sache erstmal eine Umgewöhnung: kein Aussteigen, kein Rumlaufen für den besseren Winkel, kein "ich geh mal kurz zwei Meter nach links". Das Auto ist Basis, Blind und Stativ-Ersatz in einem – man arbeitet mit dem, was man aus dem Fenster heraus bekommt.

Oft muss man sich selbst eine Vorstellung davon machen, wie sich die Tiere verhalten werden – versuchen, ihr Verhalten zu deuten und zu lesen – und dann hoffen, dass sie tatsächlich den Weg nehmen, den man antizipiert hat.

In diesem Fall habe ich mich entschieden, die Elefanten zu überholen und ein paar Kilometer weiter auf sie zu warten, in der Hoffnung, dass sie über die Sanddünen laufen würden. Mein Guide meinte, das käme selten vor – die Dünen seien zu hoch. Er sollte recht behalten: Die ganze Herde lief gemeinsam um die Dünen herum, bis auf einen einzigen Elefanten.

Was ich damit sagen will: Es ist eine Mischung aus Erfahrung, Geduld und dem Zusammenspiel mit der Natur – etwas, das man nicht beeinflussen kann, aber man kann Situationen entstehen lassen, wenn man seiner Kreativität freien Lauf lässt und sich dabei trotzdem an die ethischen Regeln hält!

Das Licht um die Mittagszeit ist ehrlich gesagt brutal – hart, kontrastreich, kaum Schatten weit und breit. Passt aber überraschend gut zu diesen Tieren: staubig, rau, echt. Morgens und abends wird's dann weicher und goldener, und plötzlich sieht alles viel ruhiger aus.

Technisch: lange Brennweite für die Distanz, aber Weitwinkel immer griffbereit, falls mal ein Tier näher kam und die Landschaft mit ins Bild sollte. Staub und Hitze machen dem Equipment ordentlich zu schaffen, deshalb: Objektivwechsel im Auto so selten wie möglich, lieber vorher überlegen statt mittendrin rumfummeln.




Schlusswort

Die Wüstenelefanten sind meine absoluten Lieblingstiere. Als ich das erste Mal über sie gelesen habe, wusste ich, dass ich eines Tages vor ihnen stehen werde! Dass mich eine Begegnung mit einem Lebewesen, das sich nicht mit mir unterhalten kann, so bewegt, habe ich bis dato nicht für möglich gehalten. Ich kann euch auch gar nicht die eine Sache sagen, die mich so fasziniert – es ist die Region, ihre Lebensräume, ihr Verhalten und diese Ruhe, die das schwerste an Land lebende Tier ausstrahlt!

Es war eine unvergessliche Zeit, für die ich mich von Herzen bei meinem Guide und Freund Hardy bedanken möchte, bei meiner Frau, die diese anstrengenden Touren immer wieder mitmacht, und nicht zuletzt bei der Natur für unvergessliche Momente, die für immer im Herzen bleiben.

Wenn du selbst gerne mal zu Namibias Wüstenelefanten reisen möchtest oder Inspiration und Tipps brauchst: Melde dich einfach bei mir!

Euer Yasin